Zunächst sah ich nur Beine – schlank, kerzengerade, von Luft und Sonne mit zarter Bräune beschenkt. Zwar konnte ich diese vorerst nur rückseitig betrachten, dafür jedoch in ihrer ganzen bemerkenswerten Länge.
Sie stand über ein Fahrrad gebeugt, das an der flachen Böschung lehnte, die Beine leicht gespreizt – wohl dem Hantieren mit einer Luftpumpe geschuldet. Bei dieser scheinbar mühseligen Tätigkeit hatte sich ihr ohnehin kurzes Röckchen weiter hochgeschoben. Mein Blick wanderte eilends an diesen betören-den Beinen aufwärts bis in die Wipfel, bis dorthin, wo man nicht mehr von Bein sprechen kann. Ich konnte meine Augen einfach nicht zurückpfeifen. Hier verhüllte das äußerst knappe, pinkfarbene Höschen nur ungenügend. Jetzt streifte mich ein Gedanke, für einen klitzekleinen Moment, von einem Hauch allzu menschlichen Empfindens aufgescheucht, den ich besser im Verborgenen lasse. Aber was der Herrgott so prächtig wachsen lässt, sollten wir doch mit den Augen genießen dürfen.
Jedenfalls war ich total gefesselt und musste natürlich sehen, was noch zu diesen Beinen gehört, mir darüber im Klaren, dass ich gleich ernüchtert sein könnte. Mitunter sind die Beine das Beste. Aber es eilte nicht, mich bemerkbar zu machen. O Augenblick, o Anblick verweile!
Hatte sie mich noch nicht bemerkt, als sie sich aufrichtete und umdrehte? Was sich jetzt meinem Auge darbot, stand der gerade verflogenen Aussicht kaum nach. Mit dem Zipfel ihrer vollends aufgeknöpften Hemdbluse wischte sie sich das Gesicht trocken. Bei dem schweißtreibenden Pumpen hatte sie wohl ihren jugendlichen Brüsten alle Freiheit gelassen, sich in der Sommerluft zu tummeln. Nach einer Sekunde des Erschreckens schloss sie hastig ihre Bluse und begann zu knöpfen. Aber keine Spur von Verlegenheit, sie sah mich dabei mit sicherem Blick an, strich eine Locke aus der Stirn und ihr Lächeln stimmte in mein verhaltenes Lachen ein.
Doch dieser freigiebige Anblick der märchenhaften, im göttlichen Überschwang gestalteten Fee, den mir der Zufall arglos arrangierte und auskosten ließ, war flüchtig, wie alles Zauberhafte.
Schon hatte ich ihr die Luftpumpe abgenommen, mit einem Anflug von Hoffnung, damit den Augenblick vor dem Entfliehen zurückzuhalten. Doch die altersschwache Luftpumpe spielte übel mit. Die komprimierte Luft wählte größtenteils den leichteren Weg am Ventil vorbei. Ich kam reichlich ins Schwitzen, bis sich der Pneu endlich ein wenig robuster anfühlte. Dabei stand sie sehr dicht neben mir, mit dem Finger den Reifendruck prüfend, was mein Erhitzen noch befeuerte, bis ein "merci, merci, ça suffit" – so viel glaubte ich schon zu verstehen – mich erlöste. Aus dem Redefluss, dabei mit der Hand über den Hügel weißend, konnte ich nur heraushören, dass es bis nach Hause gutgehen werde.
Dieses Geschöpf, das jetzt vor mir stand, lächelnd, lachend, übertraf alle meine Erwartungen. Hübsch, schön – nein, das trifft es bei weitem nicht. Dieses strahlende Wesen war wohl am besten als ein…als ein Engel zu beschreiben, jedenfalls wie ich mir einen Engel erträumte! Wie verwurzelt stand ich noch eine Weile, sah wie sie auf dem staubigen, holprigen Feldweg, der durch ein riesiges Getreidefeld über die Anhöhe führte, heimwärts fuhr.
Die Mittagshitze ließ die Kontur des nahen Horizonts vom blassen Goldgelb des Weizens in ein verwaschenes, mattes Blau des Himmels übergehen. Vom Berauschenden überwältigt, schaute ich ihr nach, bis ihre in der heißen Luft flimmernde Silhouette hinter dem Hügel entschwunden war.
Alles kam mir unwirklich vor. Erst der schwere Duft des reifen Kornes und der Milan, der über mir im lichten Himmel kreiste, ließ mich begreifen, dies alles ist wahr, hier und heute.
An diesem Abend lag noch lange wach, das Bild meines Engels vor Augen. Und in meinen Träumen schwebte sie lachend und winkend über einem Feld reifen Korns, das sich als einladendes Bett anbot. Dieses wunderbare Mädchen ging mir nicht aus dem Sinn, dieses bezaubernde Geschöpf, wie vom Himmel geschickt. Ich hatte mich auf der Stelle verliebt.
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